Wer über den Hauptplatz von Haugsdorf schlendert, kommt an diesem Prachtbau aus der Gründerzeit nicht vorbei — und sollte es auch nicht. Die Sparkasse ist eines der imposantesten Häuser weit und breit: ein späthistorischer Bau im Stil der italienischen Renaissance, der schon bei seiner Eröffnung 1886 als „Prachtbau, welcher jeder Großstadt zur Zierde gereichen kann" gefeiert wurde. Dieses Urteil hat das Gebäude bis heute nicht verleugnet.
Eine Gründung mit Anlauf
Die Geschichte der Sparkasse Haugsdorf beginnt eigentlich mit einem Scheitern. 1872 planen engagierte Bürger erstmals die Gründung einer Sparkasse — doch das Vorhaben kommt nicht zustande. Erst 1873 bildet sich ein neues Komitee, diesmal mit klarerem Plan: Ein selbstständiges Institut, unabhängig von der Gemeinde, soll es werden. Ein Bezirksrichter, ein Notar, ein Kaufmann, ein Apotheker und weitere Honoratioren verfassen gemeinsam die Statuten.
Am 12. April 1874 ist es so weit: Der Sparkasse-Verein wird konstituiert, die Statuten sind von der k. k. Statthalterei genehmigt. Als erstes Geschäftslokal werden zwei Zimmer im ersten Stock des Hauses Nr. 4 von Josef Schachhuber angemietet.
Ein Gebäude rettet den Marktort
Dass aus diesen zwei gemieteten Zimmern schon zehn Jahre später ein repräsentativer Neubau werden würde — daran hatte bei der Gründung wohl niemand ernsthaft gedacht. Architekt Josef Drexler aus Wien überzeugt mit seinen Plänen für einen Renaissancebau, der auch Bezirksgericht, Steueramt und Standesamt aufnehmen soll. Dass diese Überlegung mehr war als bloße Raumplanung, zeigt sich erst im Rückblick: Ohne ausreichende Räumlichkeiten in Haugsdorf wären die staatlichen Ämter nach Schloss Seefeld verlegt worden — ein wirtschaftlicher Verlust, der den Marktort empfindlich getroffen hätte. Der Sparkassen-Neubau – realisiert in der bemerkenswerten Bauzeit von weniger als einem Jahr – verhinderte genau das.
Was das Haus zu bieten hat
Wer einen Blick ins Innere wirft, findet Details, die der Zeit getrotzt haben: das gusseiserne Stiegengeländer, das Spiegelgewölbe, die Ätzglasfenster. Im Dachgeschoss tickt eine Turmuhr, die 130 Jahre lang fast täglich von Hand aufgezogen wurde – erst 2015 übernahm das ein elektrischer Antrieb. Das Erdgeschoss wurde im Laufe der Jahrzehnte mehrfach modernisiert; dem Charakter des Hauses hat das keinen Abbruch getan.
Das Gebäude befindet sich nach wie vor im Besitz der Sparkasse Haugsdorf. Neben der Bank sind heute auch ein Notariat sowie weitere Praxis- und Wohnräume untergebracht — das Haus bleibt, was es von Anfang an war: ein Mittelpunkt des öffentlichen Lebens in Haugsdorf.