Beschreibung
Der "Hungerturm" in Ravelsbach ist ein historisches Gebäude, das ursprünglich ein Vorratsturm war, der Eisblöcke speicherte, um Lebensmittel und Wein im Sommer frisch zu halten. Heute ist er Namensgeber und Schauplatz des Erlebnis- und Horrortheaters "Gänsehaut am Hungerturm", das auf einer historischen Sage über den Turm basiert und Nachtwanderungen mit Mutproben und Rätseln bietet.
Die Sage
Zum Ravelsbacher Pfarrhofsgut gehörte ein Turm, der als Vorratsturm diente. Das Untergeschoss des Gebäudes wurde im Winter mit Eisblöcken gefüllt, die im nahgelegenen Teich geschnitten wurden. Wein und Fleisch konnten dadurch auch im Sommer frisch gehalten werden.
Eines Tages schlachtete man im Gut Schweine. Beim „Sautanz“ wurden nun dicke Blunz’n, Grammeln, Leberwürste und einige andere Dinge zubereitet.
Ein hungriger Landstreicher beobachtete aus der Ferne das Treiben. Angelockt durch die Gerüche schlich er näher und sah, wie die verschiedenen Köstlichkeiten weggetragen wurden. Aus seinem Freundeskreis wusste er von der Existenz des Turmes und seiner Verwendung. Natürlich nahm er an, dass man die guten Sachen dorthin schleppte. Es kam ihm der Gedanke, die Dunkelheit abzuwarten, sich einzuschleichen und einen dicken Happen abzuschneiden.
Da ihm bis zum Abend noch einige Zeit blieb, besann er sich darauf, dass es beim Ravelsbacher Bürgermeister für Landstreicher drei Kreutzer zu holen gab. Diese Sozialleistung wurde seinerzeit im Ravelsbacher Gemeinderat beschlossen, um das Betteln in den Geschäften zu reduzieren.
Endlich war es dunkel genug, um den Plan durchzuführen. Geschickt schlich er durch den Pfarrhofswald an den Turm heran. Er drückte vorsichtig die Türschnalle und zu seiner Überraschung gab die Tür nach. Getrieben von Hunger tastete er sich in der Dunkelheit voran. Er erstarrte vor Schreck, als ein plötzlicher Windstoß die Tür hinter ihm zuschlug. Schnell erfing er sich wieder und suchte nach den vermeintlichen Genüssen. Doch so fieberhaft er auch herumstöberte, er fand außer dem Skelett einer toten Ratte nichts. Enttäuscht wandte er sich dem Ausgang zu. Der Schreck fuhr ihm in die Glieder, als er merkte, dass sich die Tür nicht mehr von innen öffnen ließ und er, wie in einer großen Mausefalle, gefangen war. Nun beschloss er, den Morgen abzuwarten in der Hoffnung, dass ihn dann jemand aus seinem unfreiwilligen Gefängnis herauslassen würde.
Am nächsten Morgen rüttelte er an der Tür und schrie aus Leibeskräften um Hilfe, doch niemand hörte das Geschrei. Tagelang wiederholte er verzweifelt seine Versuche, um Aufmerksamkeit zu erregen, doch er hatte keinen Erfolg. Seine Versuche wurden immer schwächer. Qualvoll verdurstete und verhungerte der Mann.
Im Spätherbst wollten die Knechte die leere Vorratskammer reinigen. Da entdeckten sie die mumifizierte Leiche des Eindringlings. Aufgeregt liefen sie zum Gutsherrn und berichteten über den grausigen Fund. Man holte den Marktrichter. Er ließ den Toten bergen und untersuchen, doch niemand kannte seinen Namen und seine Herkunft. Seine sterblichen Überreste wurden daraufhin im Armengrab bestattet.
Fortan tauften die Leute das alte Gemäuer „Hungerturm“ und erzählen diese Geschichte bis in die heutige Zeit.
Text von Gerda Wiesböck aus dem Buch „Hexen- und Raubersg’schichten“ aus Ravelsbach und Umgebung gesammelt von Charlotte Binder, geschrieben von den Schülerinnen und Schüler der Hauptschule Ravelsbach. Herausgegeben 1994.
Die Sage als Video: https://www.gänsehaut.at/?page_id=10
Das Horror-Theater „Gänsehaut am Hungerturm“
Aus dieser Sage entstand 2006 die Idee einer Veranstaltung, die mittlerweile längst über die Marktgemeinde hinaus bekannt ist. Seither wird die ursprüngliche Geschichte jährlich neu inszeniert und in einem Erlebnis‑, Stationen-, und Horrortheater dargeboten.
Besuchergruppen (max. 8 Personen) durchwandern dabei etwa 5 km Wegstrecke in rund 2 Stunden, während sie Mutproben meistern und Rätsel lösen müssen – stets begleitet vom düsteren Gruselambiente am Hungerturm und Wasserturm.
Die Veranstaltung lockt jährlich rund 450 Besucher an und ist sehr populär. Dementsprechend sind die Tickets heißbegeht und meistens binnen Minuten ausverkauft. Nach einer siebenjährigen Pause wurde das Event 2024 wieder aufgenommen.